Bluten für die Perfektion?

Vor einiger Zeit habe ich im Kino den Film whiphlash gesehen. Es geht um den Schlagzeug-Studenten an einem New Yorker Konservatorium (Andrew, dargestellt von Miles Teller), der bereit ist, für sein Können und seinen Erfolg einen hohen Preis zu zahlen: Um in der Big Band der Hochschule mitspielen zu dürfen und das spielerische Niveau seines Idols Buddy Rich zu erreichen, opfert er nicht nur die Beziehung zu seiner Freundin und das gute Verhältnis zu seinem Vater, sondern legt auch jegliche Art von Selbsterhaltungstrieb ab. Mit unerschütterlicher Entschlossenheit verfolgt er seine Vision.

Der Film hatte durchweg hervorragende Kritiken, der Darsteller des sadistischen Lehrers und Band-Leaders, J. K. Simmons hat u.a. den Oscar für die beste Nebenrolle erhalten. In vielen Kommentaren wurde die Nähe zum Leistungsport erwähnt. Ich selbst dachte zuerst: Ohje, total übertrieben und unrealistisch. Mit dem wahren Leben hat das doch herzlich wenig zu tun! Auch einige Musiker, mit denen ich später sprach, kritisierten den Film in dieser Hinsicht. Trotzdem war ich ähnlich gefesselt wie die meisten anderen Zuschauer, viele Bilder kamen mir anschließend immer wieder in den Sinn.

Schlüsselszene: Der Bandleader und Lehrer Fletcher trifft, nachdem er wegen seiner umstrittenen Lehrmethoden aus dem Konservatorium entlassen wurde, Andrew in einem Jazzclub. Bei einem Bier erzählt er seinem ehemaligen Schüler, dass er es für seine uneingeschränkt prioritäre Aufgabe hielte, junge Talente dazu zu bringen, mehr zu leisten, als man von ihnen erwarte. Das Schlechteste, was man überhaupt über eine musikalische Leistung sagen könne, sei »good job«. In dieser Mission ist ihm jedes Mittel Recht. Die Antwort auf Andrews Einwand, ob es nicht auch eine Grenze gäbe, lautet: Wahre Talente lassen sich nicht entmutigen.

Heißt das im Umkehrschluss wer sich entmutigen lässt, ist kein wahres Talent? Der Wunsch nach Perfektion und Durchdringung der Materie, in Verbindung zu stehen mit etwas Übergeordneten, das Bedürfnis nach Transzendenz und letztlich auch der Traum zu den Besten der Besten zu gehören, all das sind starke Motive, die viele Musikerinnen und Musiker in ihrem Tun antreiben und bei der Stange halten.

Exzellente Performance und enormer Leistungsdruck befinden sich oftmals gleichzeitig auf dem Spielfeld. Den wenigsten Menschen gelingt es aber, unter extremen Druck, durch Demütigung und Bestrafung, durch Quälerei und Selbstkasteiung ihre bestmögliche Leistung zu erbringen. Davon können nicht nur Musiker und Sportler ein Lied singen.

Auch, wenn vielen die Begegnung mit einem Lehrer a la Fletcher (hoffentlich) erspart geblieben ist und bleibt, haben wir Menschen es nicht selten mit dem berüchtigten »Inneren Kritiker« oder anderen destruktiven Stimmen im Kopf zu tun, seien es die von Eltern, Lehrern, Geschwistern, Freunden oder echten und fantasierten Konkurrenten. Die Schlimmste von allen ist oftmals die eigene: »Was bin ich nur für ein Idiot und Looser!» »Du kriegst das ja nie etwas auf die Reihe, typisch!« So, oder so ähnlich. Ein konstruktiver innerer Dialog bringt uns aber mit hoher Wahrscheinlichkeit unseren Zielen viel eher näher, als diese Art von Selbstdemontage. Und wie geht das konkret?

Hier ein paar Anregungen, den inneren Kritiker in Schach zu halten:

  • Wahrnehmen: Wer genau sagt mir was? Ist es tatsächlich meine eigene Stimme oder könnten es nicht diejenigen von Autoritäten aus der Kindheit und Jugend sein? Wie ist der Ton? (unfreundlich, herabsetzend, etc.) Fühle ich mich dadurch eher angespornt oder entmutigt?
  • Hinterfragen: Ist wirklich etwas dran an der negativen Kritik? Um was geht es ganz genau? Und wenn ja, ist das wirklich so schlimm? Wo steht geschrieben, dass etwas so oder anders sein muss?
  • Für sich einstehen: Pauschale (»Du bist total blöd«) und überzogene Kritik zurückweisen und stattdessen nach konstruktiven Lösungen suchen. (z.B.: »Ja, ich habe mich vielleicht zu wenig auf meine Aufgabe konzentriert, aber ich werde ab jetzt dafür sorgen, dass ich nicht mehr abgelenkt werde.«)

Als erwachsenen Menschen steht es uns frei, dem destruktiven Kritiker Glauben zu schenken oder eben auch nicht. Ein freundliches und konstruktives inneres Gespräch hingegen stärkt das Selbstwertgefühl und damit auch die Leistungsfähigkeit. Es schützt uns davor, uns von anderen niedermachen zu lassen und außerdem sensibilisiert es uns dafür, genauso respektvoll mit unseren Mitmenschen (Schülern, Kindern, Kollegen, Partnern) umzugehen.

 

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