7 Resilienz-Faktoren, die Musiker*innen in der Corona-Krise helfen

 

Die 7 Säulen der Resilienz

Wie du es schaffen kannst, die Corona-Krise (aber auch alle anderen Krisen) zu gut überstehen, erfährst du in diesem Artikel über Resilienz, dem Immunsystem der Seele.

(Pack schon mal die Badehose ein, denn später gehen wir noch segeln.)

Singen ist lebensgefährlich. Proben nur in reduzierter Besetzung möglich. Türsteher haben Hochkonjunktur, es wird nur jeder 3. in den Saal gelassen. Reisen, ein unberechenbares Abenteuer. Konzertveranstalter pleite. Ein kleines rundes Ding zeigt uns, wo der Hammer hängt.

Langsam hab ich echt die Nase voll, denkst du. Dir geht langsam die Luft aus. Mal ganz abgesehen von der Kohle, der Geduld und dem Optimismus. Seit mehr als drei Monaten hat Corona uns alle fest im Griff. Und so wie es für die Musikbranche aussieht, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis auf den großen und kleinen Bühnen wieder so was wie Normalität stattfinden kann. Das nenn ich mal eine existenzielle Krise.

In deinem Umfeld konntest du wahrscheinlich beobachten, wie unterschiedlich die Menschen in deiner Umgebung mit dieser mehr als schwierigen Situation bisher umgegangen sind. Zwischen Depression und Verzweiflung über stoische Gelassenheit bis zu übereuphorischem Aktionismus war alles dabei. Und wenn du in dich hineinlauscht, stellst du fest: In dir drinnen sieht es vielleicht ganz ähnlich aus. Deine Gedanken und Gefühle befinden sich auf einer Achterbahnfahrt.


Resilienz? Was ist das eigentlich?

Wahrscheinlich hast du vom Konzept der Resilienz bereits gehört oder gelesen. In den letzten Jahren wurde viel daran geforscht und publiziert. (Am Ende des Beitrags findest du eine kleine Literaturliste) Es gibt ein paar geringfügig unterschiedliche Ansätze, aber hier soll es ja um die praktische Anwendung gehen, deshalb gehe ich darauf nicht näher ein.

Das Wort Resilienz stammt vom lateinischen Verb „resilire“ ab und bedeutet „zurückspringen“. Laut Duden beschreibt es in der Medizin die „Fähigkeit eines gedehnten Gewebes, in die ursprüngliche Form zurückzukehren“ und in der Psychologie die „psychische Widerstandskraft, beziehungsweise die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“.

Ein Gummiband, an dem du kräftig ziehst, schnellt zurück, sobald du es loslässt. Ein Schwamm saugt sich voll und kann extrem zusammengequetscht werden, nimmt aber letztlich immer wieder seine ursprüngliche Form an. Ein Stehaufmännchen kannst du schupsen und stoßen wie du willst, es wird sich immer wieder gerade aufrichten.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen, die besonders gut mit Schicksalsschlägen, Krisen, Unsicherheit oder Stress umgehen können, mit bestimmten Eigenschaften und inneren Einstellungen gegenüber dem Leben und seinen Herausforderungen ausgestattet sind. Oft gehen sie sogar gestärkt aus belastenden Situationen hervor.

Der Grundgedanke ist also, dass Krisen Anlass zu Entwicklung sein können und mit Hilfe von persönlichen Ressourcen bewältigt werden können.

Nun denkst du vermutlich „ich bin aber nun mal so, wie ich bin“, dann ist hier die gute Nachricht für dich: Resilienz ist zwar teils angeboren und teils erworben (und zwar im Wesentlichen durch Erfahrungen in den ersten zwei Lebensjahren), ABER: Sie kann durch Training gezielt verbessert und weiterentwickelt werden. (Kommt dir das etwa bekannt vor? 😉 )

Zusammengefasst gibt es sieben Faktoren oder Säulen oder Schlüssel der Resilienz. Such dir den für dich passenden Begriff aus. Sie können dir als Wegweiser dienen, um Auswege aus belastenden Situationen zu finden. Man kann sie als verschiedene Kompetenzen oder Geisteshaltungen verstehen, die sich gegenseitig ergänzen und verstärken.


Die Glorreichen 7

 #1: Akzeptanz: Annehmen, was sich nicht ändern lässt. 

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Niemand gerät gern in belastende Situationen oder wird von schweren Krisen erschüttert. Ärger, Wut, Trauer oder Angst bestimmen die Gefühlslage. Jeder von uns kennt das. Von Trennungen oder Schicksalsschlägen, von ungerechter Behandlung, von nicht bestandenen Prüfungen, verspäteten Züge oder, oder, oder .... Aber Widerstand leisten ist zwecklos. Jedenfalls auf die Dauer. Es geht nicht darum, angemessene Gefühle zu unterdrücken, oder sich nicht zu wehren, wenn es erforderlich ist, oder Probleme zu verdrängen. Doch wenn du in deinen negativen Emotionen stecken bleibst, lähmt dich das und es kostet dich unnötig viel Energie. Und es bringt dich meistens kein Stück weiter.

Der erste Schritt raus aus einer Krise ist, eine schwierige Situation anzunehmen, so wie sie ist. Auch, wenn sie dir nicht gefällt. Wenn du sagen kannst: Ja, das ist jetzt so. Ich kann es nicht ändern, also werde ich es akzeptieren und schauen, wie ich das Beste daraus mache, dann kannst du deine Wahrnehmung für Lösungen öffnen, nach vorne schauen und handeln.

 

#2: Optimismus: Zuversichtlich nach vorne schauen

Optimistische Menschen machen sich Hoffnungen. Sie glauben daran, dass es Lösungen für Probleme gibt, oder dass sich Situationen wieder verbessern werden. Wenn du Hoffnung und Zuversicht verlierst, wirst du depressiv. Du fühlst dich ohnmächtig. Du verzweifelst. Eine rosarote Brille aufzusetzen oder die Augen vor deinen Problemen zu verschließen, ist natürlich auch keine Lösung. Aber wenn es dir gelingt, dich mit deinen Herausforderungen und Schwierigkeiten auseinanderzusetzen und einen realistischen Blick darauf zu entwickeln, kannst du die Ärmel hochkrempeln, die Probleme angehen und aktiv nach Lösungen suchen.


#3 Verantwortung übernehmen: Die Opferrolle verlassen

Jammern, Klagen und Greinen! Und immer sind die es anderen, oder die Umstände, oder das Wetter die dir die Petersilie verhageln. „Ich kann doch nichts dafür, dass die Welt sich einen Virus eingefangen hat.“ Nein, kannst Du nicht.

Aber du hast die Macht. Betrachtest Du dich selbst als Opfer von wem oder was auch immer, oder steigst du aus? Aus der Opferrolle. Du kannst dich jeden Tag entscheiden, ob du warten willst, dass andere dein Problem lösen, oder ob du die Verantwortung für dein Schicksal selbst in die Hand nimmst.

Verantwortung ist unbequem und auch belastend. Aber Verantwortung zu übernehmen gibt dir auch ein Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit. Das fühlt sich doch schon mal viel besser an. Und wenn du dich besser fühlst, ist es ungleich einfacher, deinen Gestaltungsspielraum zu erkennen und aktiv zu nutzen.

Möge die Macht mit dir sein! 😉

 

#4 Selbstwirksamkeit: An sich selber glauben

Du bist Musiker*in. Du weißt genau, dass Üben Ergebnisse bringt. Das hast du mindestens schon 1000 mal erprobt. Du hast deine Fähigkeiten und all deine Energie eingesetzt und damit deine Ziele erreicht.

Dafür kannst du dir ruhig einen Orden anheften. Denn diese Erfahrung ist eine wertvolle Ressource. Du hast dadurch Vertrauen in deine Kraft entwickelt. Du bist überzeugt, dass deine Bemühungen Wirkung erzielen werden. Du hast Mut bewiesen. Du warst vielleicht bereit, Neuland zu betreten und deine Komfortzone verlassen. Du hast an dich geglaubt. Und das Beste ist dabei: Du befindest dich in einer Aufwärtsspirale. Selbstwirksamkeitsüberzeugung verstärkt sich quasi ganz von selbst.

In Krisenzeiten bedeutet das: Glaube daran, dass dein Verhalten die Dinge für dich und für andere zum Besseren wenden kann. Du machst einen Unterschied. Das gibt dir Gelassenheit im Umgang mit der Welt und mit deinen Emotionen.

 

# 5: Netzwerkorientierung: Unterstützung durch andere gewinnen

Gegen Erkältung hilft Vitamin C. Gegen Krisen hilft Vitamin B.

Beziehungen. Andere Menschen. Deine Familie, deine Freund*innen, deine Kolleg*innen. Dein Netzwerk. Du musst Probleme nicht allein bewältigen. Suche dir Unterstützer, Brüder und Schwestern im Geiste, mit denen du reden kannst, die für dich da sind. Und sei auch du so jemand für die anderen.

Dein persönliches und berufliches Netzwerk baust du dir am besten in guten Zeiten auf. Dann hast du ein tragfähiges soziales Umfeld, in dem du Hilfe bekommen kannst, wenn du sie brauchst. Was du für dein professionelles Netzwerk tun kannst, ist Thema für einen ganz eigenen Blogartikel. Zeit für Freundschaften und soziale Beziehung ist jedenfalls eine unglaublich gute Investition.

Die Corona-Krise hat zahllose beeindruckende Initiativen der Kollaboration und Solidarität hervorgebracht. Künstlerinn*en aller Genres haben ihre Fantasie UND ihre Netzwerke aktiviert um sich gegenseitig und den Mitmenschen Mut zu machen. Um gemeinsam sichtbar zu werden, Kräfte zu mobilisieren, um in der Gesellschaft und der Politik eine Stimme zu haben. Und um Not zu lindern. Mich hat das ganz oft sehr berührt.

 

# 6: Lösungsorientierung: Den Fortschritt im Blick behalten

Du hast bestimmt auch schon Momente erlebt, in denen du einfach nicht mehr weiter wusstest. Du wolltest die Flinte ins Korn werfen, den Griffel fallen lassen, aufgeben. Es war einfach kein Land in Sicht.

Aber glücklicherweise ist es dazu nicht gekommen. Wahrscheinlich hast du bewusst oder auch unterbewusst nach einer Lösung gesucht und dir Fragen gestellt wie: Wo könnte ich Hilfe bekommen? Was könnte stattdessen funktionieren? Woran merke ich, dass es besser geworden ist?

Um sich selbst solche Fragen gut beantworten zu können, ist es wichtig, schwierige Situationen genau zu analysieren und zu erkennen, welche Faktoren dabei zu negativen Gefühlen führen. Wenn es dann gelingt, den Fokus des Denkens und Handelns auf Lösungen und Fortschritte zu legen und sich nicht in Ursachenforschung oder Problemtrance zu verlieren, ist der der erste Schritt zur Besserung schon getan.

 

#7: Zukunftsorientierung: Das Bild einer guten Zukunft kreieren.

Tagträumer sind stark im Vorteil. Wirklich. Damit sind natürlich nicht notorische Luftschlossbauer*innen gemeint, die sich ihre Welt in den schillerndsten Farben ausmalen und sich völlig unrealistische Vorstellungen machen.

Aber, wenn du darüber nachdenkst, wie du dich später für deinen Durchhaltewillen belohnen kannst, wird es viel leichter für dich sein, schwere und anstrengende Zeiten zu überstehen. Vielleicht bekommst du auch Energie, wenn du schon anfängst, deine nächsten Projekte zu planen oder dir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Auch wer seine Ziele und Visionen trotz Hindernissen und Rückschlägen nicht aus den Augen verliert, hat schon jetzt eine Menge gewonnen.

Lass dich nicht entmutigen, wenn es mal nicht so läuft, wie gedacht. Verbinde dich mit deinem Warum. Das gibt dir Kraft und Konzentration. Auch in wirklich schwierigen Zeiten.

 

Einer für alle, alle für einen???

 Jetzt fragst du dich wahrscheinlich, ob du ernsthaft gefährdet bist, weil du nicht über alle sieben Superkräfte zu 100 % verfügst.

Vielleicht fällt es dir manchmal schwer, gelassen zu bleiben. Vielleicht zweifelst du oft zu sehr an dir selbst. Vielleicht bist du eher introvertiert und Netzwerken ist gar nicht dein Ding. Und vielleicht bist du einfach mit einem kritischen Geist ausgestattet und hast einen guten Sensor für mögliche Probleme. Das heißt nicht unbedingt, dass du eine Pessimist*in bist. Vielleicht bist du aber auch in einer Lage, in der du dich ausgeliefert und ohnmächtig fühlst?

Du kannst beruhigt sein.

Die meisten von uns haben von allen sieben Faktoren etwas im Petto. Und zwar in ganz individueller Ausprägung. Natürlich spielt auch die ganz konkrete Situation eine wesentliche Rolle: Derselbe Mensch kommt vielleicht mit einer Trennung vom Partner besser zurecht als mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Schwere Schicksalsschläge wie Krankheit, Tod, Naturkatastrophen oder Krieg können Menschen zerbrechen oder sie über sich hinauswachsen lassen.

Aber es ist möglich, gezielt daran arbeiten, die eigene Resilienz zu stärken. Du kannst deine Art zu denken, die Welt wahrzunehmen und zu handeln bewusst ändern. Besonders da, wo du für dich noch Verbesserungspotenzial siehst.

Die Entwicklungspsychologin Ann Masten fasst es so zusammen: „Die größte Überraschung an der Resilienz ist das Gewöhnliche. Die Fähigkeit zu denken, zu lachen, zu hoffen, zu handeln, um Hilfe zu bitten, sie anzunehmen und dem Leben einen Sinn zu geben. Nur leider ist das Gewöhnliche eben oft nicht einfach.“

Ja, nicht einfach. Aber möglich.

Fang gleich heute damit an. Lass es dir gut gehen!

 

PS: Ach ja, du hattest ja die Badehose eingepackt. Versprochen ist versprochen:

Polynesisches Segeln – Kurs halten bei ungewissem Ausgang

Der britische Segler, Abenteurer, Anthropologe und Arzt David Lewis beschreibt in seinem Buch We. The Navigators wie die Polynesier es schafften, ohne nautische Instrumente oder Navigationssystem den Ozean zu besegeln, Inseln zu finden und sie zu besiedeln. Dieses Phänomen hatte schon seit Langem viele Menschen fasziniert.

Die Polynesier legten also tausende Kilometer auf offener See zurück mit der inneren Zuversicht ihr Ziel (neuen Lebensraum zu erschließen) zu erreichen, ohne dabei ihr Ziel (real existierende Inseln) zu kennen. Wie war das möglich?

Lewis beschreibt, dass für diese Menschen die Funktion eines Ziels nicht war, es zu erreichen, sondern in Bewegung zu kommen. Sie hatten die Haltung entwickelt, zwar ein klares Ziel vor Augen zu haben, sich dabei aber vom Ergebnis unabhängig zu machen und so auf Kurs zu bleiben.

Dazu hielten sie Ausschau nach allen möglichen Zeichen, die für ihre Reise relevant waren: der Stand der Gestirne, Winde, Strömungen, Untiefen, Meerestiere. Sie verließen sich dabei auf Erfahrung, Intuition und Vertrauen. Zufälle wurden integriert. Sie spürten in sich hinein und verbanden sich mit ihrem reichen untrüglichen Erfahrungswissen.

Dort, wo sie einen Zipfel Land entdeckten, segelten sie hin.

Es geht beim polynesischen Segeln also darum, den eigenen Möglichkeitsraum zu erweitern. Die Orientierung an den persönlichen Ressourcen ist dabei die Grundlage für das eigene Handeln.

Wenn dir einzig ein erhofftes Ergebnis Sicherheit gibt, du aber nicht weißt, ob es innerhalb der gegebenen Umstände überhaupt erreichbar ist, bist du der Situation ausgeliefert und fühlst dich wie ein Spielball.

Es ist immer möglich, dich darauf zu besinnen, wer du bist,was du weißt und kannst, wen du kennst und was du tust.

Ahoi!! Und alles Gute für dich. Deine Kirsten


Literatur:

Christina Berndt: Resilienz: Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft, Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out, dtv

Denis Mourlane: Resilienz: Die unentdeckte Fähigkeit der wirklich Erfolgreichen, BusinessVillage

Karen Reivich & Andrew Shatté: The Resilience Factor: 7 Keys to Finding Your Inner Strength and Overcoming Life's Hurdles, Broadway Books

Monika Gruhl: Resilienz - die Strategie der Stehauf-Menschen: Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft, Herder Spektrum



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