Deadlines können motivieren. Aber wenn das Timing nicht stimmt, können sie auch einfach an dir vorbeirauschen. But so what ...
Ich habe mal wieder eine Deadline gerissen.
Das Datum, zu dem ich die Rohfassung des Buchs, an dem ich gerade schreibe, fertig haben wollte, habe ich selbst und ganz eigenverantwortlich festgelegt. Kein Verlag sitzt mir im Rücken. Und im Grunde wartet auch niemand auf das Buch, außer vielleicht den wenigen Menschen, die meine Idee kennen und davon ganz angetan sind.
Die Deadline habe ich mir gesetzt, weil ich mich committen wollte, weil ich mich motivieren wollte. SMART-Ziel*, gell! Terminiert. 🙂
Und es ist ja auch so, dass ich mich schon wahnsinnig drauf freue, dieses Buch in den Händen zu halten. Da dachte ich, es wäre doch ganz schön, wenn ich es mir selbst zum Geburtstag schenke. Der ist ziemlich bald. Oh weh!
Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen: Diese Deadline ist schon die zweite verstrichene. Davor hatte ich mir schon ein noch früheres Datum in den Kopf gesetzt. Da habe ich aber dann aber recht schnell gemerkt, dass mein Plan etwas zu ambitioniert ist. Die lieben Menschen in meinem Umfeld erkannten das natürlich gleich und haben liebevoll versucht, mir das zu vermitteln. Vergeblich. Aber gut. Erfahrungen muss man eben selbst machen.
Meine Deadline war der 23. Dezember, letzter Arbeitstag im alten Jahr. Kam mir sehr passend vor. Das macht man ja so: Am Jahresende große Projekte abschließen.
In der Zeit „zwischen den Jahren“ und zu Beginn des neuen, in der man sich als guter Coach selbstverständlich die Zeit nimmt, um zu reflektieren (was kann weg?, was kann bleiben?, was darf neu kommen?) und um einen groben Jahresplan zu erstellen, habe ich lange darüber nachgedacht, warum ich mir – mal wieder ‒ ein so hochgestecktes und unrealistisches Ziel gesetzt habe. Tja.
Ein Teil ist, so glaube ich, meine Begeisterung. Ich wollte schon immer ein Buch schreiben und jetzt habe ich eine Idee, die mir gefällt, ein Thema, das ich für wichtig halte und auch den Glauben daran, dass ich das grundsätzlich schaffen kann. Schaffensdruck, nenne ich das gern.
Die gemeinen inneren Antreiber
Der andere Teil besteht aus:
FOMO (fear of missing out): Das ich einen Trend verpasse, dass andere mir zuvorkommen könnten, dass ich wie immer zu spät dran bin.
Und meinen inneren Antreibern: No 1 Sei schnell. Andere hauen ja schließlich auch ihre Bücher in kürzester Zeit raus. Machen ist wie wollen, nur krasser. Es braucht dazu doch lediglich fokussiertes Arbeiten und disziplinierte Tagesabläufe. Wär doch gelacht!!
No 2. Sei perfekt. Ich muss trotz Buch alles andere auch weiterhin parallel auf die Reihe kriegen. Meinen Job in der Hochschule, Coachen, den Podcast, Bloggen, Musik machen, Sport machen (super wichtig wegen der Rückengesundheit), Family&Friends, Haushalt. Ha! Und das Buch muss natürlich fachlich und sprachlich Hand und Fuß haben. Die anderen drei Antreiber (Streng dich an, Mach es allen recht, Sei stark) quatschen ab und an natürlich auch noch dazwischen.
Sei perfekt!
Sei schnell!
Streng dich an!
Mach es allen recht!
Sei stark!
Bei den Antreibern handelt es ich um die 5 Unholde, die Eric Berne in seiner Theorie der Transaktionsanalyse beschrieben hat. Sie treiben ihr Unwesen in unserem Hirn/Denken. Manche treiben es besonders bunt und wollen immer die Hauptrolle spielen, die anderen kommen gelegentlich um die Ecke und piesacken dich.
Zwischen diese beiden Polen: Meiner Begeisterung für das Projekt und dem Druck, den ich mir selbst mache, zerreibe ich mich buchstäblich. Die Folge: Prokrastination, Ausweichen, haufenweise „wichtigere“ Dinge erledigen and so on.
Also: Reißleine ziehen und einen Moment innehalten. Nachspüren, was ist hier los?
Eigentlich hätte ich gern mehr Zeit und Raum für den Schreibprozess. Ich möchte lieber alles, was ich den ganzen Tag so tue, mehr genießen und nicht nur abarbeiten. Ich weiß im Prinzip, dass mir persönlich weniger Tempo ganz gut tut. Dass ich am Ende auch meist produktiver bin, wenn ich es schaffe, häufiger in die Ruhe zu kommen.
Es hat mit Vertrauen zu tun. Vertrauen in den Prozess. Vertrauen in meine Intuition. Vertrauen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.
Ich trau mich jetzt: Ich entscheide mich, dem timing meines Lebens zu vertrauen. So, wie ich darauf vertraue, genau das richtige Tempo für das Lied zu erspüren, das ich gerade singe.
Wir werden das Buch zu gegebener Zeit in den Händen halten.
*SMART: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert.

